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Grau sind die Kleider des Couture-Booms

Grau sind die Kleider des Couture-Booms

Paris – Die Pariser Couture ist sichtlich ergraut, doch das steht ihr hervorragend. Bei den am Mittwoch zu Ende gehenden Schauen der hohen Schneiderkunst für Herbst/Winter 2017 gibt es diesmal tatsächlich eine Trendfarbe: Und die heißt Grau in vielen Nuancen.

Allen voran schritten dabei Maria Grazia Chiuri in ihrer Schau für Dior und Karl Lagerfeld bei Chanel am Dienstag. Letzterer zeigte eine Hommage an Paris mit toll bestickten grauen Tweedkostümen. 

Dior-Designerin Chiuri mutiert immer mehr zur Trendsetterin. Mit simplen T-Shirt-Aufdrucken hat sie vor einer Saison die Feminismus-Debatte in der Mode angestoßen. Jetzt brachte sie die graue Welle auf den Punkt mit Ensembles in Anzugstoffen, aber feminin und weich aufgemacht.

Die Italienerin zeigte Mäntel, Kleider und Kostüme in Anthrazit mit wadenlangen, gerafften Röcken oder Hosen und dazu schmale Gürtel und schicke Herrenhüte. Schulterfreie Roben aus zartem Tüll in Wolkengrau und bunte Stickereien auf beigefarbenem Grund komplettierten das Ganze.

Die Kollektion war weiblichen Entdeckerinnen gewidmet, die Kulisse glich einer blühenden Urlandschaft. «Blüht die Couture?», fragte ein Modekritiker vor der Schau den Dior-Chef Sidney Toledano. Der bejahte und fügte hinzu, dass sich heute jeder mit Geld und Geschmack Haute Couture kaufen könne.

Will heißen: Für Elitedenken ist in der hart umkämpften Mode kein Platz mehr. Allerdings: Die von Hand gefertigten Haute-Couture-Roben kosten locker mehrere tausend Euro. Massentauglich sind sie nicht.

Dennoch ist das Publikum bei den Schauen heterogener und jünger geworden. Bei dem Franzosen Alexandre Vauthier tummelten sich am Dienstag lauter Partygirls mit athletischer Figur. Vauthier zeigt in der Regel so viel Haut, dass nur durchtrainierte Frauen seine Entwürfe tragen können.

Vom Band lief folgerichtig das Lied «I Want Muscles». Das sportliche Supermodel Bella Hadid fühlte sich allerdings auf dem Laufsteg in ihrem extrem hochgeschlitzten Abendkleid nicht komplett wohl. Sie hielt mit der Hand den Schlitz oben zu.

Zog man bei der Schau den «Nackt-Look» ab, blieb Hohe Schneiderkunst übrig. Vauthier zeigte die wahrscheinlich am besten geschnittenen Smoking-Jacken (schmal und kurz) dieser Saison.

In der Schau von Altmeister Giorgio Armani konnte man nicht sagen, ob die Models mit ihren bestickten Gewändern und schmal zulaufenden Kappen auf dem Kopf a) an Gauklerinnen, b) an schillernde Insekten oder c) an Japan erinnern sollten.

Für a) sprachen die großen Harlekinkragen, die Reifröcke und malerischen Drucke. Für b) das schillernde Grauschwarz vieler Entwürfe und die flügelartigen Volants. Für c) die ruhige Grundform und die Tatsache, dass Armani häufig die japanische Kultur zitiert. Als Stargast war Oscar-Preisträgerin Kate Winslet dabei.

Der Franzose Alexis Mabille lud zu einer Präsentation an Puppen ein. Feine Plissees für silberne, in Stufen herabfallende Abendkleider, zu Rosen gewickelte Stoffblüten und tolle Drapierungen standen für die klassische Auffassung von Hoher Schneiderkunst.

Dass diese auch ein Versuchslabor sein kann, zeigte die Schau der Niederländerin Iris van Herpen. Ihre Entwürfe wirkten wie aus Luft und Wasser gewebt. Mal wie die Arme eines durchsichtigen Tintenfisches, mal wie ein Wolkenschleier. Das Setting wirkte atemberaubend: In großen Aquarien sitzend, erzeugten vier Musiker unter Wasser surreale Töne.

Doch sogar diese Präsentation verblasste neben der großen Dior-Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs anlässlich des 70jährigen Jubiläum des Modehauses. Von den Wurzeln des Modemachers Christian Dior in der Normandie bis zu dem modernen Gesicht, das Chiuri und ihre Vorgänger der Marke verpasst haben, konnten die Gäste regelrecht durch die Geschichte Diors wandern.

Allein rund 300 Haute Couture-Roben und 1000 Dokumente sowie zahlreiche Kunstwerke sind ausgestellt. Schon bei der Eröffnung war der Andrang gewaltig. Auch dieses zeigt: Die Couture blüht. Diesmal mit Grauschleier.

Fotocredits: Francois Mori,Hendrik Ballhausen,Hendrik Ballhausen,Hendrik Ballhausen
(dpa)